Wissenschaftler rätseln - Art der Bestattung war damals höchst unüblich

Anthropologin: Tote aus der Jungsteinzeit war nicht älter als 55, erstaunlich fit und Mutter mehrerer Kinder

 

Braunschweiger Zeitung, Wolfenbuettel - 29. September 2012 - Wolfenbüttel Lokales - Seite L66

 

Von Stephan Hespos

 

WERLABURGDORF. Wer war die Frau von der Werla? Wie hat sie gelebt? Rund 5700Jahre nach ihrem Tod gibt es erste Antworten. Die Anthropologin Dr.Silke Grefen-Peters hat die aus der Jungsteinzeit stammenden Knochen untersucht.

 

"Die Frau war 40 bis 55 Jahre alt und etwa 1,50 Meter groß", berichtet die Expertin. Ungewöhnlich sei: Ihr langer und sehr schmaler Schädel wirke älter als das übrige Skelett. Woran die Frau starb, sei nicht mehr zu ermitteln. "Ich habe keine todesursächlichen Verletzungen festgestellt", sagt die Anthropologin. Vielleicht Viren, verdorbenes oder vergiftetes Essen? "Möglich. Eine einzige Mahlzeit konnte damals eine ganze Familie auslöschen."

 

Die Tote sei für ihr Alter körperlich erstaunlich fit und gesund gewesen. An ihrem Becken entdeckte Silke Grefen-Peters, dass sie mehrere Kinder zur Welt gebracht hatte. Hielt sie eines davon in ihrem Grab im Arm?

Wie berichtet, war im Oktober 2010 direkt neben dem Kopf der Frau das Skelett eines etwa dreijährigen Kindes ausgegraben worden - wahrscheinlich ein Junge. Auch dieser sei körperlich unversehrt gewesen. Zudem wurde so genannter Leichenbrand eines 40 bis 60Jahre alten Mannes und eines weiteren Kindes entdeckt, ebenso Tierknochen.

 

Mutter und Kind oder Großmutter und Enkel?

 

"Biologisch wäre es gerade noch möglich gewesen, dass die Frau Mutter des Kindes war." Wahrscheinlicher ist nach Ansicht der Anthropologin jedoch, dass es sich um eine Großmutter und ihr Enkelkind handelte. Eine verwandtschaftliches Verhältnis habe wohl in jedem Fall bestanden.

 

Laut dem Bezirksarchäologen Dr.Michael Geschwinde erreichten die Menschen in der Jungsteinzeit ein Lebensalter von ungefähr 40Jahren. Sie hätten in Pfostenhäusern in kleinen Dörfern zusammengelebt - oft in Großfamilien mit bis zu zehn Mitgliedern.

 

Die Frau von der Werla gehörte Geschwinde zufolge dem Kulturkreis der Baalberger (3800 bis 3400 v. Chr.) an, dessen Zentrum an der Saale lag. Unklar ist, wie sie nach Werlaburgdorf kam, das es damals natürlich noch nicht gab. Doch das ist nicht die einzige Frage, die die Wissenschaftler beschäftigt. Auch das Grab selbst ist höchst ungewöhnlich.

 

"Warum wurde die Tote in gestreckter Rückenlage und nicht - wie für den Kulturkreis typisch - in embryonaler Haltung bestattet", wundert sich Silke Grefen-Peters. Merkwürdig sei auch die Vielzahl und die Qualität der mit ins Grab gegebenen Gefäße (siehe Text unten auf dieser Seite).

 

Wie die Experten berichten, sind bei der Freilegung einige Unregelmäßigkeiten im Skelettverband festgestellt worden. Die Anthropologin: "Handknochen lagen verstreut im Becken der Frau und die beiden Schlüsselbeine befanden sich nicht mehr an ihrer ursprünglichen Position. Aber vor allem die Lage des linken Oberschenkelknochens gab Rätsel auf: Er lag mit seiner Rückseite dem Betrachter zugewandt im Grab."

 

Es kann sein, dass die Toten mumifiziert bestattet wurden

 

Grabräuber, wühlende Nagetiere? Eine nachträgliche Öffnung des Grabes konnte Geschwinde ausschließen. Auch die Position des Kindes machte die Wissenschaftler stutzig. Sie entwickelten eine Hypothese, die sie durch weitergehende Untersuchungen prüfen wollen: "Vielleicht wurden die Verstorbenen erst viel später nach ihrem Tod in bereits mumifizierten Zustand begraben?" Dies könnte nach Ansicht von Silke Grefen-Peters eine Erklärung für die Unordnung im Grab sein und die für diesen Zeithorizont ungewöhnliche, gestreckte Rückenlage der Frau - "so wie wir unsere Toten heute auch bestatten".

 

Im Dezember soll der Fund im Landesmuseum in Wolfenbüttel in einer Sonderausstellung gezeigt werden. Die Anthropologin und der Archäologe sind sich einig: "Bis dahin gibt es noch viel zu tun."

 

Ausstellung:Das Landesmuseum an der Kanzleistraße in Wolfenbüttel plant eine Sonderausstellung rund um die Frau von der Werla.

 

Vernissage:7.Dezember. Laut Oberkustos Wolf-Dieter Steinmetz wird die Ausstellung voraussichtlich in den Abendstunden eröffnet.

 

Dauer:mindestens ein halbes Jahr.

 

 

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