22 Trinkgefäße wurden der Toten mit ins Grab gelegt

Experten schließen von ungewöhnlich hoher Anzahl auf eine besondere soziale Stellung der Verstorbenen - Komplexer Bestattungskult

 

Braunschweiger Zeitung, Wolfenbuettel - 29. September 2012 - Wolfenbüttel Lokales - Seite L66

 

Von Stephan Hespos

 

WERLABURGDORF. In ihren Armen hielt die Frau von der Werla ein Kind. "Sie vermittelt damit über Jahrtausende hinweg einen Inbegriff von Geborgenheit und menschlicher Zuwendung, der uns auch heute noch berührt." Das sagt die Anthropologin Dr.Silke Grefen-Peters.

 

Vier Wochen hat sie die sterblichen Überreste aus der Jungsteinzeit genauestens untersucht und analysiert. Die Knochen wurden gewaschen, teilweise rekonstruiert und vermessen. Doch es sind nicht nur das Skelett und die Einzelteile, die den Fund zu einem sehr besonderen machen. Hierzu gehört auch die entdeckte Keramik.

 

Amphoren und Krüge

22fast vollständige Gefäße aus dem Kulturkreis der Baalberger als Grabbeigabe - darunter große Amphoren und Henkelkrüge sowie Trinkbecher: "Die Tote gehörte bestimmt einer sozial führenden Gruppe an", vermutet die Anthropologin. Nach Auskunft des Bezirksarchäologen Dr.Michael Geschwinde hat eine Restauratorin die in viele 100Einzelteile zerbrochenen Gefäße in mühevoller Kleinarbeit zusammengefügt und Fehlstellen mit Gips rekonstruiert. "Das war ein gigantischer Aufwand", so der Experte.

 

Bei der Keramik handele es sich um ein "riesiges einheitliches Trinkservice". Geschwinde vermutet, dass die Gefäße von ein und derselben Person getöpfert wurden. Von der Frau von der Werla?

 

Anthropologin Silke Grefen-Peters hält das auf der Basis des Skelett-Befundes für unwahrscheinlich. Auch der Archäologe meint: "Sie hätte sonst wohl Abnutzungserscheinungen haben müssen." Für die Annahme, dass die Keramik auf der Werla produziert wurde, spräche unterdessen: "Solche Gefäße wurden damals nicht über 50Kilometer Entfernung transportiert." Außerdem habe es auf dem Oker-Plateau bei Werlaburgdorf gute Tonvorkommen gegeben.

 

Die Keramik ist laut dem Archäologen aus Tonwülsten aufgebaut worden. Wahrscheinlich habe man aus solchen Bechern Met, also Honigwein, getrunken. Derartige Beigaben seien Toten für ihre Reise ins Jenseits mit ins Grab gelegt worden. Üblich seien jedoch maximal sieben Gefäße gewesen.

 

Alles in einer Holzkiste

 

Geschwinde zufolge befand sich die Keramik wohl in einer Holzkiste über der Bestatteten und dem Kind. Ob die Gefäße komplett ins Grab kamen oder zuvor zerworfen wurden, ist noch unklar. Geschwinde nimmt an, dass die Kiste mit der Zeit verrottet ist und die Keramik dann auf die darunter befindliche Tote krachte.

 

Der Archäologe meint: "Egal, wo wir bei diesem Fund auch hingucken, wir entdecken immer wieder Besonderheiten." In jedem Fall sei der Bestattungskult jener Zeit viel komplizierter als der heutige.

 

Anthropologin Dr.Silke Grefen-Peters und Bezirksarchäologe Dr.Michael Geschwinde betrachten rekonstruierte Gefäße der Baalberger Kultur. Es handelt sich um Grabbeigaben, die bei Werlaburgdorf gefunden wurden.

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