"Wir möchten viel von der Frau wissen"

Bezirksarchäologe Michael Geschwinde berichtete über die Forschung zur "Kleinen Werlaburgdorferin"

 

Braunschweiger Zeitung, Wolfenbuettel: 10. September 2012, Wolfenbüttel Lokales, Seite L37

 

Von Stephan Querfurth

 

WERLABURGDORF. Sie ist eine geheimnisvolle Frau. Auch heute noch. Fünfeinhalbtausend Jahre nach ihrem Tod. Die kleine Werlaburgdorferin wird sie genannt.

 

Klein, auffallend klein, selbst für ihre Zeit ist sie gewesen. Ihr auffallend schmaler Schädel, wird ihr eine so markante Gesichtsform gegeben haben, dass man ihr nachschaute.

 

In einem von sehr vielen Zuhörern besuchten Vortrag im Dorfgemeinschaftshaus von Werlaburgdorf berichtete Bezirksarchäologe Michael Geschwinde vom Landesamt für Denkmalpflege über den jungsteinzeitlichen Grabfund auf der Werla und über erste Forschungsergebnisse. Die Grabbeigaben, die Becher und Vasen beweisen, dass die Frau der Baalberger-Kultur angehörte, einer Kultur, die sich vom Zentrum Thüringens bis in das Elbe-Saale-Gebiet ansiedelte.

Noch nie aber sind Spuren dieser Kultur so weit im Westen nachgewiesen worden. Warum hat sie hier gelebt?

 

Bei einer Lehrgrabung mit Studentinnen der Geschichtswissenschaft habe man zunächst überraschender Weise an einem Grubenhaus Reste von 24 gebrannten Gefäßen und Bechern gefunden. Unter ihnen entdeckte man dann ein Skelett. Es war so gut erhalten, dass dieser Fund bereits einer Sensation gleichkam. Die sterblichen Überreste einer Frau, wie sich herausstellte. Als es freigelegt wurde, fand sich in ihren Armen angeschmiegt das Skelett eines Kindes, das im Alter von drei bis vier Jahren verstorben sein muss. Am Kopfende des Frauenskeletts fand man schließlich noch die Überreste eine eingeäscherten 40-60-jährigen Mannes und eines Kindes. Diese Begräbnisform einer Vierfachbestattung sei ungewöhnlich bei den Bestattungsriten der Baalberger Kultur, erläuterte Geschwinde. Aber es stellen sich weitere Frage, sagte er, an denen gerade viele Universitäten forschten. Das Alter der Frau sei schwer bestimmbar: Die Schädelknochen ließen vermuten, dass sie mit 49Jahren starb. Die übrigen Skelettteile ließen aber Rückschlüsse auf ein Alter von 32 Jahren zu.

 

Ungewöhnlich für jene Zeit sei auch, dass die Frau und das Kind keinerlei Hinweise auf Mangelernährung zeigten. Ungewöhnlich auch für die Kultur, der sie angehörte, dass sie und das Kind vermutlich mumifiziert wurden.

 

"Wir möchten so viel von der Frau, über das Leben, in das sie eingebunden war, wissen", sagte Geschwinde. "Aber sie wird uns nur ein ganz kleines Fenster öffnen."

 

Bei der Suche nach Antworten würden sich zunehmend Fragen stellen, sagte auch Frank Oesterhelweg, der Vorsitzende des Fördervereins Kaiserpfalz-Werla. Samtgemeindedirektor Andreas Memmert sagte, er sei damals sehr ergriffen vor das Grab dieser Frau getreten. Sie habe über ihren Tod hinaus die Würde zu beanspruchen, die ihr gebühre. Die kleine Werlaburgdorferin habe ein Recht darauf, das von uns Heutigen zu erwarten.

 

 

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